Von Rot-Gelb-Grün zum Dauer-Kreiseln: Gedanken zum Tag der Verkehrsampel
Am 5. August ist Tag der Verkehrsampel. Ein Datum, das eigentlich zum Innehalten an der nächsten roten Signalanlage einlädt – und mich gedanklich sofort an einen Ausflug erinnert, den ich erst letzte Woche gemacht habe. Bei einem Tagestrip nach Frankreich ist mir wieder einmal aufgefallen, wie sehr sich unsere Straßenkultur von der unserer Nachbarn unterscheidet.
Der Pionier an der Kreuzung
Dabei hat die Ampel eine beeindruckende Geschichte: Am 5. August 1914 wurde in Cleveland, Ohio, die erste elektrische Lichtsignalanlage der Welt installiert. Damals noch schlicht in Rot und Grün und von einem Polizisten per Hand gesteuert, schaffte sie erstmals Ordnung im Chaos aus Pferdekutschen, ersten Automobilen und Fußgängern. In den 1920er Jahren kam das Gelblicht hinzu.
Heute regeln in Deutschland schätzungsweise 50.000 Ampelanlagen mit rund 1,5 Millionen einzelnen Signalgebern den Verkehr – modern vernetzt, mit Induktionsschleifen und KI-Steuerung. Die Ampel hat Fraglos ihren Sinn, besonders an komplexen Großstadtkreuzungen. Doch als ich neulich durch Frankreich fuhr, stellte sich mir rasch eine ganz andere Frage: Brauchen wir wirklich an jeder Ecke ein Wechsellicht?
Nachbarland im Kreisel-Rausch
Auf meinen ersten Kilometern jenseits der Grenze hatte ich nach kurzer Zeit tatsächlich das Gefühl: Hier gibt es überhaupt keine Ampeln mehr! Stattdessen folgte Kreisel auf Kreisel.
Und die Zahlen geben diesem Eindruck recht. Frankreich ist der unangefochtene Weltmeister des Kreisverkehrs:
- Während in Deutschland rund 10.000 bis 11.000 Kreisverkehre verbaut sind,
- rollt der Verkehr in Frankreich durch geschätzte 30.000 bis über 60.000 dieser Rundlinge (Carrefours giratoires).
Auf etwa dieselbe Einwohnerzahl kommen bei unseren Nachbarn also fünf- bis sechsmal so viele Kreisel. Was in den 1960er Jahren in Großbritannien mit der Vorfahrtsregel im Kreisel perfektioniert wurde, hat Frankreich ab den 1980ern konsequent zur Standardkreuzung erhoben.
Meine Erfahrung: Erstaunlich flüssig und spürbar entschleunigt
Ich muss gestehen: Ich war absolut erstaunt, wie hervorragend das System in der Praxis funktioniert. Kein Warten an einer roten Ampel weit und breit, obwohl weit und breit kein einziges Auto die Kreuzung kreuzt. Der Verkehr bleibt einfach im stetigen Fluss.
Was mich aber am meisten überrascht hat, war das Fahrgefühl insgesamt. Ich hatte den Eindruck, dass die Franzosen deutlich entspannter unterwegs sind:
- Kein Drängeln, kein Rasen: Trotz unserer sehr gemütlichen Fahrweise wurden wir nicht überholt. Es gab kein dichtes Auffahren, keine ungeduldigen Manöver.
- Gleichmäßiges Tempo: Durch das Zusammenspiel aus Kreisverkehren und den strengen Tempolimits auf Landstraßen (meist 80 km/h) pendelt sich der gesamte Verkehr auf ein harmonisches Geschwindigkeitsniveau ein. Überholen bringt schlicht keinen Zeitgewinn mehr.
- Miteinander statt Rechthaberei: Wo rote Ampeln oft Frust erzeugen, schafft das stetige Rollen im Kreisel Gelassenheit. Man lässt einander einfädeln, bremst kurz ab und fährt entspannt weiter.
Fazit
Wenn ich an der nächsten roten Ampel stehe und auf Grün warte, werde ich der Technik aus dem Jahr 1914 zwar dankbar für ihre Sicherheit sein – mich gedanklich aber ganz sicher kurz zurück in den französischen Kreisel träumen, wo der Verkehr einfach fließt.
In Deutschland haben sich mittlerweile über 60 Städte dafür entschieden, klassische Fußgängerampeln durch regionale Sonderampelmännchen zu ersetzen. Sie dienen meist dem Stadtmarketing, ehren berühmte Persönlichkeiten oder erinnern an lokale Traditionen.
Hier sind einige der bekanntesten und kuriosesten Beispiele:
🎭 Prominente & Persönlichkeiten
- Otto Waalkes (Emden): In seiner ostfriesischen Heimatstadt hüpft die gezeichnete Silhouette des Komikers mit fliegenden Haaren über die grüne Phase.
- Elvis Presley (Friedberg & Bad Nauheim): Der „King of Rock ’n’ Roll“ leuchtet in Hessen an den Orten, an denen er während seines US-Militärdienstes stationiert war – rot am Mikrofon stehend, grün im berühmten Hüftschwung.
- Karl Marx (Trier): Zum 200. Geburtstag des Philosophen weihte Trier Ampeln ein, die Marx bei Rot im Gehrock und bei Grün mit einem Buch unter dem Arm zeigen.
- Ludwig van Beethoven (Bonn): Nahe seinem Geburtshaus regelt der Komponist den Fußgängerverkehr.
- Theodor Fontane (Neuruppin): Anlässlich seines 200. Geburtstages hebt der Dichter bei Rot den Hut und schreitet bei Grün stockschwingend voran.
📺 TV-, Kultur- & Märchenfiguren
- Mainzelmännchen (Mainz): Das wohl bekannteste Motiv neben dem Ost-Ampelmännchen. Mainz setzt die ZDF-Kultfigur (allen voran Männchen „Det“) großflächig an Fußgängerüberwegen ein.
- Ernie und Bert (Hamburg): An den Standorten des NDR in Hamburg zeigen die beliebten Figuren aus der Sesamstraße den Weg.
- Pumuckl (München): Im Münchner Stadtteil Lehel leuchtet der kleine Klabautermann.
- Bremer Stadtmusikanten (Bremen): Esel, Hund, Katze und Hahn stehen aufeinander gestapelt als Ampelsignal.
- Rattenfänger von Hameln (Hameln): Die weltberühmte Sagenfigur führt Passanten an der Weser über die Straße.
⚒️ Handwerk, Geschichte & Tradition
- Der Bergmann mit Grubenlampe (Duisburg, Bochum, Dinslaken): Im Ruhrgebiet erinnern Ampeln mit Helm und Grubenlampe an das Erbe des Steinkohlebergbaus.
- Römische Legionäre (Bergkamen): Als Hommage an ein ehemaliges Römerlager leuchten hier Legionäre.
- Äffle & Pferdle (Böblingen & Esslingen): Die Schwaben-Kultfiguren des SWR regeln in Baden-Württemberg den Verkehr.
🏳️🌈 Vielfalt & Diversität
- Ampelpärchen (Köln, Frankfurt, München, Hamburg): In vielen deutschen Großstädten leuchten (oft rund um den Christopher Street Day oder dauerhaft) gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Pärchen, die sich an den Händen halten, als Zeichen für Toleranz und Vielfalt.
📸 Welches Ampelmännchen begleitet Euch?
Jetzt seid ihr gefragt:
Sind euch auf Reisen oder in eurer Heimatregion schon einmal originelle Sonderampeln begegnet? Welches ist euer persönliches Lieblings-Ampelmännchen?
Schickt uns eure Fotos oder Tipps einfach per E-Mail an@binauerpuls.de oder teilt euer Bild in den Kommentaren. Die schönsten Einsendungen veröffentlichen wir in unserer nächsten Ausgabe!










