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„It’s a wonderful night“ – Oder: Wie die Bahn uns beinahe theaterreif machte

Eigentlich stand der ganze Tag unter dem Motto „Pläne sind dazu da, um liebevoll ignoriert zu werden“. Dass dieser ohnehin schon improvisierte Donnerstag am Abend dank der Deutschen Bahn zu einem schweißtreibenden Action-Thriller mutieren würde, stand allerdings nicht auf unseren im Internet gebuchten Tickets für den Salon 3 in Heilbronn.

Schon die Nacht war aus dem Takt geraten. Ich wachte auf, fand keinen Schlaf mehr, stand kurzerhand auf und werkelte über eine Stunde im Haus herum. Als ich mich schließlich wieder hinlegte, fand ich tatsächlich noch einmal in den Schlaf – nur um kurz darauf schlagartig aus den Träumen gerissen zu werden: Ein lauter Ping vom Handy! Freunde hatten für 8:30 Uhr ein Telefonat angekündigt, doch es war erst 8:00 Uhr und die Frage ploppte auf, ob wir uns nicht per Computer und Video sehen wollen.

Also: Raus aus dem Bett, den Rechner hochfahren, im Eiltempo die Hühner und Hasen in ihre Außenbereiche gelassen, sie versorgt, und einen starken Kaffee gemacht. Pünktlich um 8:30 Uhr saßen wir startklar vor dem Bildschirm. Aus dem geplanten „kurzen Hallo“ wurden fast zwei Stunden feinster Austausch. Und als wir uns gerade verabschiedet hatten, klingelte es an der Haustür und meine Schwester schaute auf einen Sprung vorbei.

Der eigentliche Plan für diesen Morgen sah völlig anders aus: Wir wollten in Ruhe einen Bericht für den „Binauer Puls“ verfassen und danach, solange die Temperaturen es noch zuließen, anstehende Arbeiten im Garten erledigen. Aber Hand aufs Herz: Wir nehmen uns immer die Zeit für den persönlichen Kontakt und ziehen gute Gespräche jedem noch so gut durchdachten Plan vor. Die Arbeit läuft schließlich nicht weg.

Das Glück der Tüchtigen (dachten wir)

Nach diesem herrlich unberechenbaren Tag freuten wir uns umso mehr auf unser geplantes Highlight: Ein lauer Sommerabend, Kultur pur und eine klimafreundliche, tiefenentspannte Anreise. „It’s a wonderful night“, dachten wir uns. Wir hatten uns herausgeputzt: Meine Begleitung einen legeren Anzug, ich ein sommerlich-elegantes Kleid, der passende Schmuck, das Make-up saß perfekt. Vor allem wollten wir das Auto bewusst stehen lassen. Die Bahn wirbt ja unermüdlich für den Umstieg, und so wollten wir zum ersten Mal die Wertmarke meines Schwerbehindertenausweises auf einer längeren Strecke gebührend einweihen.

Wir fuhren entspannt zum Bahnhof nach Neckarelz, stellten das Auto ins Parkhaus und standen überpünktlich und voller Kultur-Elan an Gleis 3. Ein Blick auf die Anzeigetafel bestätigte unser scheinbar fabelhaftes Timing: Unsere S41 nach Heilbronn – mit himmlischem Halt direkt am Theater – war angekündigt.

Gleichzeitig meldete die Tafel und eine Durchsage aus dem Megafon den Ausfall der S1 aus Eberbach wegen einer defekten Weiche. Genau jene Bahn, in die wir hätten einsteigen müssen, wenn wir unsere Reise direkt in Binau am Haltepunkt begonnen hätten. Ein zufriedenes Lächeln huschte über unsere Gesichter. „Wie gut, dass wir uns das Umsteigen ersparen wollten und direkt nach Neckarelz gefahren sind“, dachten wir. In Binau wären wir jetzt sprichwörtlich auf dem Trockenen gesessen. Wir fühlten uns wie Logistik-Genies.

Der große Copperfield-Trick der Deutschen Bahn

Die Abfahrtszeit unserer S41 rückte näher und verstrich. Ausgerechnet die 41! Wer sich in behördlichen Strukturen etwas auskennt, weiß: Die Amtsnummer 41 steht traditionell für das Kulturamt. Dass sich also exakt diese „Kultur-Linie“ auf unserem Weg ins Theater als derart unzuverlässig erwies, entbehrte nicht einer gewissen Ironie.

Gut, zehn Minuten Verspätung – das ist ja fast noch pünktlich im DB-Universum. Wir warteten in unseren schicken Outfits, die S41 stand stoisch auf der Anzeige.

Doch dann geschah das Unfassbare, der magische Moment des Abends: Zehn Minuten nach der eigentlichen Abfahrtszeit verschwand unsere Bahn plötzlich von der Anzeigetafel. Einfach so. Puff. Weg. Keine Durchsage, keine Laufschrift, keine klärende Worte aus dem Lautsprecher. Der Zug hatte sich in Luft aufgelöst. Wir standen mit riesigen Fragezeichen über den Köpfen da. Ein Geisterzug, der nicht nur nicht kam, sondern in den Systemen der Bahn offenbar nie existiert hatte.

Fast & Furious: Neckarelz-Heilbronn

Als die bittere Realität durchsickerte, ratterten unsere inneren Taschenrechner. Wenn wir jetzt ins Auto steigen, könnten wir es vielleicht gerade noch zum Vorstellungsbeginn schaffen.

Der entspannte Kulturabend wandelte sich schlagartig in eine Etappe der Rallye Dakar. Also ab ins Auto und in einer, sagen wir, fast schon unangemessenen Weise Richtung Heilbronn navigiert. Die Frisur hielt, das Adrenalin pumpte.

Das Finale im dritten Stock

Im Parkhaus Heilbronn angekommen, machten wir uns zielstrebig auf den Weg ins Theater – so zügig, wie es mein ganz persönliches Tempo eben zuließ. Gleich im Eingangsbereich bewies das Personal hellseherische Fähigkeiten: Eine überaus nette Dame erkannte sofort, dass wir in den Salon 3 wollten, und wies uns den Weg.

Der Haken? Der Salon lag im Kaufhaus gegenüber. Im dritten Stock.

Und weil das Schicksal an diesem Tag offensichtlich seinen Spaß mit uns hatte, war natürlich der Aufzug defekt.

Also im eleganten Sommerkleid rauf auf die Rolltreppe und die verbleibende normale Treppe… nun ja, in meinem absolut machbaren Höchsttempo erklommen. Von „Sprinten“ kann in meinem Fall keine Rede sein, das gibt die Gesundheit beim besten Willen nicht her. Aber mit eiserner Entschlossenheit haben wir Stufe für Stufe bezwungen.

Oben angekommen, standen glücklicherweise schon zwei weitere wunderbare Damen am Einlass. Sie wollten die Türen eigentlich gerade schließen, wussten aber wegen unserer Online-Reservierung, dass wir noch im Anmarsch sein mussten. Mit grandioser Gastfreundschaft wurden wir sofort hineingebeten und durften uns sogar noch etwas zu trinken holen. Und dann der absolute Höhepunkt: Eine der Damen wies uns noch zwei bessere Sitzplätze zu! Auf unseren ursprünglichen Plätzen hätte uns nämlich ein störender Pfahl ein wenig die Sicht geraubt.

Wir ließen unser Hinterteil auf die bequemen Stühle sinken, atmeten ein einziges Mal tief durch – und exakt in diesem Moment öffnete sich der Vorhang und die Vorstellung begann.

Das kulinarische Happy End (und ein nachträglicher Schauer)

Nach dem tollen Stück endete der Abend glücklicherweise genau so, wie er eigentlich beginnen sollte: völlig entspannt. Wir nutzten die zeitliche Freiheit, die uns das Auto unweigerlich bescherte, und gingen noch gemütlich vietnamesisch essen.

Hätten wir uns tatsächlich auf die Bahn verlassen, wäre dieser schöne Abschluss ohnehin ins Wasser gefallen. Um ohne lästiges Umsteigen und ewige Wartezeiten zurückzukommen, hätten wir das Theater nämlich quasi mit dem Fallen des Vorhangs fluchtartig verlassen müssen, um den einzig passenden Zug zu erwischen.

Und an dieser Stelle drängte sich beim Essen dann doch ein Gedanke auf, der einem nachträglich einen leichten Schauer über den Rücken jagt: Was wäre eigentlich gewesen, wenn uns die Deutsche Bahn diesen meisterhaften Zaubertrick nicht auf der Hin-, sondern auf der Rückfahrt präsentiert hätte?

Stellen wir uns das Szenario einmal bildlich vor: Man verzichtet auf das gute Essen, eilt pflichtbewusst zur Haltestelle, steht dort in der Nacht und wartet auf die rettende S-Bahn Richtung Heimat. Und dann – Puff – verschwindet der Zug. Kein Ton aus dem Lautsprecher, kein Schienenersatzverkehr in Sicht. Gestrandet im Nirgendwo, hungrig, aber ohne jede Information, wie man nun zurückkommen soll. Ohne unser geliebtes Blechle wären wir dem nächtlichen Nichts des Bahnsteigs völlig schutzlos ausgeliefert gewesen.

Fazit: Wer ein Abenteuer voller eiserner Willenskraft und nervenzerreißender Spannung sucht, braucht kein Kino. Der Versuch, umweltfreundlich mit der Bahn ins Theater zu fahren, reicht völlig aus. Das Theaterstück selbst war großartig, das vietnamesische Essen danach köstlich, und die spontanen Planänderungen am Morgen waren jede Minute wert. Die Anreise hingegen hatte definitiv den besten Spannungsbogen des Tages. Und für die Zukunft gilt: Das Auto bleibt als eiserne Reserve und Garant für ein entspanntes Abendessen vorerst besser in Reichweite.

P.S.: Damit sich solche magischen Zug-Verschwindibus-Tricks nicht kommentarlos wiederholen, haben wir der Pressestelle der Deutschen Bahn übrigens eine offizielle Anfrage zu diesem „Geisterzug“ von Neckarelz geschickt. Sobald die Bahn das Rätsel um die verschwundene S41 löst, lesen Sie es hier!

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2 Kommentare

  • Das Abenteuer Bahn wirft die Planung weit fort,
    kein Zug fährt mehr pünktlich an irgendeinen Ort.
    Nur mit Humor und viel Glück
    bleibt vom Tag noch ein Stück,
    und man rettet sich lächelnd von Wort zu Wort.

    Ein Schreibstil, der herrlich grotesk explodiert,
    macht Lust auf das Lesen und amüsiert.
    Man schmunzelt beim Schmökern,
    statt trübsinnig zu nörgeln.

    Danke

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