Er ist Friseur in Binau, K-Pop-Tänzer und bricht mit jedem Klischee, das das Dorfleben bereithält: Dominik Binder (24) im Porträt über seine Leidenschaft für den Tanz, die Suche nach der eigenen Bühne und warum die größte Enge oft im eigenen Kopf entsteht.
Der Schlumpf mit Stolz: Gegen den Strom im Odenwald
Wer in der ländlichen Idylle rund um den Odenwald aufwächst, dem wird oft früh ein Lebensentwurf eingeimpft: Mach eine solide Ausbildung, bleib bodenständig und halte die Erwartungen realistisch. Doch Dominik Binder passte noch nie in Schubladen. Ein Mann im Friseurberuf? Auf dem Land eher selten. Ein leidenschaftlicher Tänzer? Erst recht.
„Ich wollte nie eingeengt sein von irgendwas“, erzählt der 24-Jährige mit einem Lächeln, das gleichzeitig Sanftheit und unbändige Entschlossenheit ausstrahlt. „Ich habe immer gesagt: Ich will nicht das, was alle anderen wollen oder erwarten. Ich bin meine eigene Person. Mit 15 bin ich mit blauen Haaren durch die Schule gerannt. Die anderen haben gesagt: ‚Ach guck mal, der Schlumpf kommt wieder.‘ Gut, dann bin ich halt der Schlumpf – aber wenigstens der Schlumpf mit Stolz!“
Dieses Aufbegehren gegen die Konventionen zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Es ist kein lauter, aggressiver Protest, sondern ein stiller, ästhetischer Widerstand gegen die Monotonie.
Von YouTube-Tutorials auf die Bühne
Dominiks Reise in die Welt des Tanzes begann vor rund zehn Jahren mit einem Phänomen, das damals aus Südkorea nach Europa schwappte: K-Pop. Die komplexen, synchronen Choreografien der Musikvideos faszinierten den Teenager. Um die Jahrgänge 2016/2017 herum packte ihn der Ehrgeiz. Er wollte diese Moves nicht nur bewundern, er wollte sie beherrschen und auf einer echten Bühne performen.
Als 2020 die Corona-Pandemie das öffentliche Leben lahmlegte und Dominik gerade seine Ausbildung zum Friseur begann, nutzte er die Isolation in den eigenen vier Wänden. Während draußen Stillstand herrschte, wirbelte Dominik in seinem Zimmer vor dem Spiegelschrank, lernte über YouTube-Tutorials die Schritte und schuf sich seine eigene Welt. Manchmal zog es ihn sogar in leere Parkhäuser, wo er – völlig abgeschirmt durch Kopfhörer – stundenlang an seiner Technik feilte. „Ich war in meiner eigenen Welt. Das Einzige, was ich mitbekommen habe, war, wenn mich vielleicht mal ein Auto fast überfahren hat“, erinnert er sich schmunzelnd.
Der Fleiß zahlte sich aus. Nach dem Lockdown wurde er bei einem Event von der Stuttgarter Tanzgruppe Black Lightsentdeckt. Es folgten fünf intensive Jahre voller Leistungssport: Drei-Stunden-Trainings an Sonntagen, die vor Wettbewerben auch mal auf acht bis zehn Stunden anwuchsen, und schließlich die Belohnung – Auftritte auf großen Bühnen wie der CMT-Messe in Stuttgart.
Dominiks Meilensteine:
• 2016/17: Entdeckung der Leidenschaft für K-Pop
• 2020: Trainings-Isolierung während Corona & Beginn Friseurlehre
• 2021–2026: Fünf Jahre Intensiv-Leistungssport mit der Gruppe „Black Lights“
• Heute: Dozent für K-Pop und Commercial Dance in Heilbronn
Der innere Raum: Eigene Choreos und die Weitergabe der Flamme
Heute hat sich Black Lights aufgelöst, doch für Dominik war das nur der Startschuss für das nächste Kapitel. Inzwischen bildet er sich an professionellen Tanzschulen in Stuttgart weiter, lernt von internationalen Coaches aus Amerika und Korea und steht selbst als Dozent im Rampenlicht. Im Steps Tanzstudio in Heilbronn unterrichtet er samstags zwei Kurse: K-Pop und Commercial Dance. Seine Schülergruppe ist bunt gemischt – von der achtjährigen Anfängerin bis hin zu Teenagern im Alter von 19 Jahren.
Dabei geht es ihm um weit mehr als das bloße Vortanzen von Schritten. Dominik entwickelt mittlerweile eigene Choreografien und nutzt seine Kurse auch als kreatives Labor.
„Ich gebe den Grundsatz vor und sage: Das sind die Schritte. Aber bringt euren eigenen Stil mit rein. Im Tanzen geht es darum, sich selbst auszudrücken. Ich will nie vorne stehen und sagen: Ihr müsst es exakt so machen wie ich. Ihr müsst es so machen, dass es sich für euch richtig anfühlt.“
Das ewige Dilemma: Die Sehnsucht nach Stuttgart und das Sicherheitsnetz
Wer Dominik heute erlebt, spürt die kreative Energie eines echten Bühnenmenschen, einer „Rampensau“ im positivsten Sinne, die das Rampenlicht und die Kamera liebt. Und doch steht der 24-Jährige an einer Schwelle, die viele junge Kreative kennen: dem Konflikt zwischen der totalen künstlerischen Freiheit und dem Sicherheitsdenken, das die ländliche Herkunft ihm mitgegeben hat.
Die Fluchtgedanken in die Metropole Stuttgart sind täglich da, befeuert von der dortigen Tanzszene. Doch der Schritt, den sicheren Friseurjob zu kündigen und alles auf eine Karte zu setzen, flößt ihm Respekt ein. „Ich habe Angst, dass wenn ich es machen muss, um mein Geld damit zu verdienen, ich den Spaß daran verliere“, gesteht er offen – für ihn ist der Tanz im Moment der perfekte Ausgleich zum Berufsalltag.
Dennoch ist die Sehnsucht nach Veränderung spürbar. Dominik hat gelernt, dass die vermeintlich „unrealistischen“ Träume oft die einzigen sind, für die es sich zu kämpfen lohnt. Der Schlüssel sei es, einfach zu machen, ohne das Ganze zu zerdenken. Sobald sich die richtige Gelegenheit ergibt, ist er bereit, die Flügel auszuspannen.
Bis dahin bringt Dominik weiterhin die Bühnen der Region zum Beben – als lebender Beweis dafür, dass man auch im Odenwald ein bunter Vogel sein kann.











2 Kommentare
Schöner Artikel, weiter so.
Vielen Dank und weiterhin viel Freude beim Lesen.
Team Binauer Puls