Als das Redaktionsteam von Binauer Puls das Rote Emu in Neckargerach besucht, wird schnell klar: Wer hier Platz nimmt, betritt mehr als einen Gastraum. Man sitzt in einer Geschichte – von Neuanfang, Konsequenz und einer Leidenschaft, die sich über Jahrzehnte ihren Weg gebahnt hat. Joachim und Birgit Plumbaum haben mit dem Roten Emu etwas Neues geschaffen. Etwas Eigenes. Und etwas, das deutlich mehr ist als ein weiteres gastronomisches Angebot.
Joachim Plumbaum bringt einen Lebenslauf mit, der zunächst nach Sicherheit klingt: Produktmanager bei SAP, promovierter Physiker. Doch Kochen war für ihn nie bloßer Ausgleich zum Berufsalltag, sondern ein roter Faden. Schon als Kind stand er lieber in der Küche, während andere in der Mensa saßen. In Studienzeiten organisierte er mit Freunden 14-Gänge-Menüs, kochte tagelang, sammelte Erfahrungen – und später, auf Reisen rund um den Globus, auch Salz- und Pfefferstreuer aus aller Welt. Sammeln wird für ihn nie zur Obsession: Es muss gefallen, nicht vollständig sein.
Birgit Plumbaum bringt eine Ausbildung mit, die in der Gastronomie wichtig ist und sich im Alltag als tragendes Fundament erweist: Hauswirtschaftsleitung und Hauswirtschaftslehramt. Eigentlich wollte sie Handarbeit und Werken unterrichten, doch eine Ausbildungsreform führte sie in die Hauswirtschaft. Rückblickend ein Glücksfall. Organisationstalent, Prozessdenken, der Blick für Abläufe und Menschen, für das Zusammenspiel vieler kleiner Dinge – all das prägt heute das Rote Emu spürbar.
Entscheidungen treffen die beiden gemeinsam. „Wir schenken uns nichts“, sagen sie offen. Birgit beschreibt sich als Bauchmensch mit viel Kopf, Joachim als Kopfmensch mit viel Bauch. Wenn es eng wird, setzen sie sich zusammen – meist fällt innerhalb einer halben Stunde eine Entscheidung. Herz und Haltung bestimmen, was sie tun. Der Verstand entscheidet, wie sie es umsetzen. Diese Balance ist überall im Haus zu spüren.
Das Rote Emu versteht sich als Bistro und Konditorei mit Anspruch – und als bewusster Gegenentwurf zur beliebigen Gastronomie. „Gehobene Küche“ wird hier nicht ausgerufen, sondern gelebt: durch frische, regionale Produkte, durch Kombinationen, die überraschen, ohne zu überfordern. Die Speisekarte ist bewusst nicht starr, aber auch kein wöchentliches Experiment. Kontinuität schafft Vertrauen, Varianten und neue Kreationen bringen Bewegung. Gerichte wie Gnocchi mit Walnusspesto und Spinat oder vegetarische Maultaschen mit Kürbisfüllung zeigen die Haltung: klassisch, neu gedacht, stimmig. Vegan, ohne es erklären zu müssen. Traditionell oder weltläufig – entscheidend ist, dass alles zusammenpasst.
Vivienne Straub ist Konditor-Meisterin, gelernt in Heidelberg, und arbeitet im Roten Emu als Vollzeitkraft. Hier darf sie sich ausprobieren. Eine Kreation ist neben vielen anderen der ‘Grünkernkönig’. Grünkern als Hauptbestandteil, da dieser in früheren Zeiten hier in der Region angebaut wurde. Mit in der Küche steht der gelernte Koch Bernd Häcker an der Seite von Herrn Plumbaum. Handwerkskunst und Kreativität gehören zu den Markenzeichen des Roten Emu.
Am Anfang stand dabei nicht die Idee eines Bistros, sondern ein Gebäude. Eine Reformhausstil-Villa, erbaut zwischen 1911 und 1914, entworfen von Thomas Tomasetti. Sie war da – und alles andere wurde um sie herum gedacht. Grundstück, Parkplätze, Barrierefreiheit: vieles passte. Schon bei der ersten Besichtigung war für Birgit Plumbaum klar, als sie im Gewölbekeller stand: „Das wird sein Weinkeller“. Und am eisernen Gartentor: „Das wird mein Garten“.
Mitten im Gastraum fallen heute die Vitrinen voller Salz- und Pfefferstreuer ins Auge. Was als pragmatische Wandgestaltung begann, ist zu einem kleinen Museum der Alltagskultur geworden. Die Stücke erzählen von Design und Zeitgeist, von Materialien und Erinnerungen – von Bakelit über Holzschweinchen bis zu Comic-Figuren aus der Frühzeit des Fernsehens. Salz und Pfeffer stehen hier auch symbolisch: Ordnung und Reiz, Bewahrung und Veränderung, Notwendigkeit und Luxus. Gegensätze, die Balance schaffen – wie im Leben, so im Betrieb.
Gemeinsam leben, planen, umbauen und eröffnen verlangt Konflikttauglichkeit. Die lange Bau- und Vorbereitungsphase war ein „Hardcore-Training in Resilienz“, sagt Birgit Plumbaum rückblickend. Der festgesetzte Eröffnungstermin ließ keinen Spielraum. Entscheidungen mussten realisierbar sein, nicht perfekt. Heute sind die Zuständigkeiten klar verteilt, das Vertrauen groß.
Was sollen Gäste mitnehmen? „Freude im Herzen“, sagt Birgit Plumbaum spontan. Ein Lächeln. Das Gefühl, willkommen gewesen zu sein. Und vielleicht die Lust, wiederzukommen.
Das Rote Emu ist für die Plumbaums aktuell ein erreichtes Ziel – noch nicht ganz fertig, aber lebendig. Ideen gibt es viele: Führungen, Kochkurse, Kaffeeseminare, Lesungen, Kinder am Lagerfeuer und mehr. Wenn Routine Freiräume schafft, sollen sie genutzt werden.
Am Ende des Besuchs bleibt der Eindruck eines Ortes, der aus Biografien gewachsen ist. Fremd ist man hereingekommen, per Du wieder gegangen. Und genau das beschreibt das Rote Emu vielleicht am besten: ein Bistro mit Anspruch – und mit Seele.
Das Rote Emu öffnet am 9. Januar 2026 in die neue Saison.
Link zum Roten Emu: https://www.rotes-emu.eu


















