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Mütterchen

Nach einer wahren Begebenheit. Eine Geschichte von Wanda Irob über Menschlichkeit.

Dich würde ich gern wieder sehen  

Es war ein langer, anstrengender aber zugleich erfolgreicher Tag. Spürbar erschöpft mache ich mich auf den Weg nach Hause. Es dämmerte bereits, Regen setzte ein. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der Wetterbericht am Morgen besagte anderes. Dementsprechend war ich leicht bekleidet, trug Sandalen, die Jacke nicht mitgenommen. Die Autofahrt zu meinem Refugium wird voraussichtlich mehr Zeit erfordern als angenommen. Der Feierabendverkehr setzte ein. Ich hoffe, auf der Autobahn nicht in einem Stau stecken zu bleiben. Aufgrund des hohen Lkw-Aufkommens nebst vorhandenen Baustellen war dies nicht unwahrscheinlich. Der Gedanke daran erschauderte mich. 

Hoch motiviert und mit Zollstock, Bleistift und Notizblock gewappnet, kam ich heute am späten Vormittag hier an. Zwei Stunden dauerte die Fahrt, die ich nicht zum ersten Mal antrat.

Ich hatte mit dem Arbeitgeber tags zuvor telefonisch vereinbart, dass ich auf dem Weg zu meinem Zuhause bei ihm vorbeischaue. Er wollte mich den Mitarbeitern vorstellen, so wie den Bewohnern der Wohngruppe, mit denen ich demnächst zu tun hatte. 

Eine meiner Stärken liegt darin, mich in Menschen hineinversetzen zu können. Ich erkenne ihre Befindlichkeiten und spüre, was sie bewegt. Dies kommt mir zugute bei meiner Arbeit als Heilerziehungspflegerin, hatte aber zur Folge, dass sich diese Vorstellungsrunden ausdehnten. Wir beschnupperten uns, viele Worte wurden gewechselt. 
Anknüpfend folgte ein informativer Rundgang über das Gelände der sozialen Einrichtung. Die Lage der Wohnbereiche, die der dazugehörigen Werkstätten und die der zentralen Küche wurden mir gezeigt. 

Voller Eindrücke und emotional bewegt, erinnerte ich mich an meinen Anschlusstermin und rief das Immobilienbüro an, um mitzuteilen, dass ich in Kürze eintreffen würde. 

Der Makler öffnete wie verabredet die Haustür. Er ermöglichte es mir, ungestört und ohne Zeitdruck durch das Haus zu gehen. Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung verabschiedete er sich gleich wieder und ließ mich alleine. Beim Verlassen des Gebäudes sollte ich die Tür hinter mir schließen und den Schlüssel in den Briefkasten werfen. Diesen wollte er am nächsten Tag holen. Das war ausgesprochen zuvorkommend. Mich bei ihm herzlichst zu bedanken, war für mich selbstverständlich. Als Zeichen meiner Wertschätzung bezüglich seines Entgegenkommens brachte ich ihm Selbstgemachtes aus meiner Backstube mit. Obwohl der Notartermin bereits letzte Woche stattfand und die Verträge unterzeichnet sind, wird es noch eine Weile dauern, bis die darin festgehaltenen Vereinbarungen vollzogen sind. 

Wow, da stand ich nun. In meinem zukünftigen Zuhause. Ein Ortswechsel, verbunden mit einem kompletten Neuanfang. Die alte Heimat hinter mir lassend, in der ich aufgewachsen bin. Gescheitert, meine Ehe am Ende. Eine andere Arbeitsstätte. Das konsequente und zielorientierte Umsetzen meines neuen Ichs, brachte mich auf diesen eingeschlagenen Weg des Neubeginns. Nicht wissend, was mich erwarten wird. Ich war gewaltig aufgeregt und freute mich riesig, dass ich vor offizieller Übergabe der Immobilie hier sein durfte. Ich versuchte, jeglichen Raum zu erspüren. In Gedanken stellte ich mir vor, wo meine Möbel ihren neuen Platz erhalten werden. Für jedes Zimmer erstellte ich eine Skizze und notierte mir Maße, an denen sich beim bevorstehenden Umzug meine Mithelfer orientieren konnten. 

Die Zeit verging schneller, als mir lieb war.

Ich schloss die Haustür ab und warf den Schlüssel wie vereinbart, in den Briefkaste. Dann flüchtete ich vor dem Regen in mein Auto, abgestellt an der Straße, direkt vor dem Gebäude. Na ja, das Auto ist ein alter, kleiner, dunkelblauer Van. Meine ‚Big Blue Lady‘, ausgestattet mit minimaler Technik, die aber unaufhörlich ihre Dienste tat. Die Rückbank hatte ich ausgebaut, wodurch im Innenraum mehr Platz entstand. Ich nutzte diesen für eine Matratze, um bei Bedarf darin übernachten zu können. Ungern stoße ich sie ab. Sicherlich schaffe ich es auch im nächsten Jahr, sie wieder durch den TÜV zu bringen – hoffe ich zumindest. Doch erst mal kurz innehalten, um den Tag gedanklich Revue passieren zu lassen, bevor ich losfahre – so der Plan. 

Während sich die Eindrücke des Tages vor meinen Augen widerspiegeln, drängen mehr und mehr die Bilder der Straße bezüglich der vorhandenen Realität in den Vordergrund. Den Schlüssel im Zündschloss drehend, fing der Motor an, seine Arbeit zu tun. Da bemerkte ich auf dem Fußgängerweg diese Dame, vermutlich jenseits der 80. Sich langsam fortbewegend, als ob sich ihre Gedanken in einer anderen Welt aufhalten würden.
Bei ihrem Anblick musste ich daran denken, wie ich wohl in diesem Alter sein würde. Vielleicht würde ich es gar nicht erreichen. Oder bin nicht im Stande, alleine unterwegs zu sein. 
Schutz vor Regen hatte sie nicht, was diesem egal war. Er durchnässte nicht nur sie. Ich registrierte, wie in ihrer Hand die Tasche aus Papier unweigerlich auseinanderriss. Eine Flasche zerbarste auf dem Asphalt, rote Flüssigkeit verbündete sich mit dem Regenwasser und verschwand fließend der Straße entlang. Die anderen wenigen Sachen, die sie eingekauft hatte, verteilt neben ihr auf dem Boden liegend. Abrupt blieb sie stehen. Mit erstauntem Gesichtsausdruck sich das Desaster anschauend, rührte sie sich nicht vom Fleck. Autos fahren an ihr vorbei. Keiner hält an, um ihr zu helfen. Sie wirkt äußerst zerbrechlich in ihrer Hilflosigkeit.

Ich fuhr los, um nach wenigen Metern neben dieser Frau wieder anzuhalten. Ich stieg aus meinem Wagen aus. Im Regen auf sie zugehend fragte ich, ob ich ihr helfen könne. Sie schaute auf, mit fragendem Blick, keiner Antwort fähig. Zuerst beseitigte ich die Scherben der Weinflasche, da die scharfkantigen Splitter zu Verletzungen führen könnten. Ich legte sie auf die zerstörte Papiertüte, um das Ganze im nächstgelegenen Mülleimer zu entsorgen. Dann brauchte es ein neues  Behältnis, in der ich den Rest ihres Einkaufes legen konnte. Da kam eine Mitarbeiterin aus dem gegenüberliegenden Geschäft mit einer Plastiktüte und half mir, die herumliegenden Dinge einzusammeln. Möhren, Äpfel, roter Paprika... Ich bedankte mich bei ihr. Die ältere Dame stand immer noch wortlos, mit erschrockenem Gesichtsausdruck daneben. Mit ihren Augen hatte sie unsere Bemühungen beobachtet, wich aber nicht zur Seite. 
Dem Etikett der Weinflasche zu Folge war es ein hochpreisiger, spanischer Rotwein, der das Weite suchte. Jetzt war ich doch neugierig geworden und schaute genauer hin, auf die Frau, die sich neben den profanen Dingen solch einen hervorragenden Spanier gönnte. Sie schien aus gutem Hause zu sein. Ihre Erscheinung gepflegt und elegant. Die fast schulterlangen Haare Naturbraun gefärbt sowie leicht gewellt. Das faltige und zugleich weich wirkende Gesicht, dezent geschminkt. Gekleidet mit einem cremefarbenen, dünnen Mantel. Dieser bedeckend eine schmale Figur, die umhüllt ist mit einem geschmackvollen Kleid in zarten Grüntönen.

Wer war diese Frau? Ihrem Alter zufolge hat sie schon ein lang gelebtes Leben hinter sich gebracht. Hatte sie eine glückliche Kindheit? Musste sie Zeiten der Not erleben, oder war sie aufgewachsen in einem wohlbehüteten Umfeld? War sie verheiratet? Wo ist ihr Mann? Hat sie sogar eigene Kinder? Viele Fragen schossen mir bei ihrem Anblick durch den Kopf. Ich fühlte mich ihr nahe, obwohl ich sie nicht kannte.

Entschlossen, diese Frau nicht alleine stehen zu lassen, versuchte ich auf eine andere Art und Weise, sie zu einer Reaktion zu animieren. Mit einer kurzen Berührung am Arm sprach ich sie an: „Mütterchen,“ sagte ich lächelnd. „Mütterchen. Gerne begleite ich Dich nach Hause. Wo wohnst Du denn?“ 

Das war vermutlich der Schlüssel, der sie aus der Schreckstarre holte. Sie schien erleichtert, zeigte auf ein Gebäude am Ende der Straße. Nebeneinander herlaufend, ihre Tüte in meiner Hand, bemerkte ich, dass sie jedes Mal einen Schwenk weg von der Straße an die Häuserseite machte, wenn ein Auto vorbeifuhr. Als ob sie sich schützen müsste. Ich war verwundert über ihr Verhalten, da ausreichend Platz vorhanden war und wir uns in einer Art verkehrsberuhigten Zone befanden. Plötzlich sagte sie mit leiser Stimme. „Die Autos haben Vorfahrt.“ „Nein, Mütterchen, nein“, versuchte ich dieser Frau ihre Angst zu nehmen. „Hier haben wir Vorfahrt!“ 

Einige Meter weiter, mussten wir unter einem Vordach eines Hauses durchlaufen. Sie blieb stehen, ihren Körper mit einem Gehstock abstützend, den ich erst jetzt bemerkte. Farblich gleich ihrem Mantel wirkte er wie ein Schmuckstück. Den Blick richtend auf die Außenkante des Dächleins, meinte sie: „Hier können wir nicht vorbei, da läuft der Regen herunter.“ Sie schien verwirrt. „Mütterchen, komm, bleib direkt hinter mir“, lächelte ich sie aufmunternd an. „Dann passiert Dir nichts.“ Vorsichtig folgte sie vertrauensvoll, nahe meiner Person. 

Am Ende der Straße blieben wir stehen. „Hier wohne ich“, meinte sie, zögerlich deutend auf die herrschaftlich anmutende Villa vor uns. 

In diesem Moment wurde mir ihre Zwiespältigkeit bewusst, in der sie sich vermutlich aufgrund meiner Erscheinung befand. Was ist das für eine fremde Frau, im sonnengelben Leinenhemd, grasgrünfarbener Leinenhose und weißer Schildkappe auf dem ergrauten Haarschopf? Warum bietet sie ihre Hilfe an? Wieso begleitet sie mich im Regen bis an meine Haustür? Ist sie vertrauenswürdig?

Es regnete immer noch. Mittlerweile waren wir beide total durchnässt. Achtsam stellte ich ihren Einkauf auf die Treppenstufe vor dem Eingangstor, trat zurück und äußerte mit einer angedeuteten Verbeugung ihr zugewandt: „Gute Frau, jetzt schaffen Sie es sicherlich alleine ins Haus.“ Mit dieser Geste des Respektes verabschiedete ich mich. „Ich wünsche Ihnen einen schönsten Tag.“ Dabei schaute ich sie freundlich an. Und zum ersten Mal seit unserer Begegnung sehe ich in ihrem Gesicht ein Lächeln, begleitet von strahlenden Augen. In dem Moment, als ich mich zum Weggehen umdrehen wollte, kommt sie einen Schritt auf mich zu, nimmt zaghaft meine Hände und sagt: „Ach, Dich würde ich gern wieder sehen“....
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