Letzte Woche ging mein Mann auf unseren Speicher, um nach einem Ersatz für ein kaputtes Kabel in unserem Kabel-Fundus zu suchen.
Gut, wenn man einen solchen Fundus besitzt und nicht alles neu kaufen muss.
Doch dieses Mal suchte mein Mann erstaunlich lange. Er kam nicht wie erwartet mit entsprechendem Kabel vom Speicher herunter, nein, es war das alte Röhren-Radio NORDMENDE, namens Fidelio 57 von seinen Eltern, das er zwar verstaubt, aber mit glänzenden Augen mitbrachte.
Er sprudelte voller Eifer heraus, dem alten Röhren-Radio aus dem Jahr 1957 wieder Leben einhauchen zu wollen. Begonnen hat die Aktion mit Pinseln, Tüchern, sowie Staubsauger, um auch das Innenleben des Gerätes zu entstauben.
Das Nostalgie-Virus muss mich mental infiziert haben, ich schwelgte plötzlich in Erinnerungen als der Sommer noch nach einer Mischung von gemähtem Gras, Sonne und Freiheit roch.
Waren wir als Kinder doch von morgens bis zur Dämmerung draußen und spielten – welche Freiheit!
Wir kamen müde, schmutzig, manchmal mit aufgeschlagenen Knien, aber glücklich und hungrig nach Hause.
Unser Spielplatz war der Wald, in dem wir mit viel Fantasie und Kreativität Hütten mit Materialien bauten, die uns die Natur bot.
Auf der Straße spielten wir Verstecken, Gummitwist oder auch mit Murmeln. An Bewegung fehlte es uns wahrlich nicht, dafür gab´s u. a. Tretroller mit Luftreifen und Fahrräder.
Alleine war man nie, im Gegensatz zu heute, waren damals die Straßen voller Kinder anstatt Autos.
Ab und zu durften wir uns einen Kirsch-Pfennig-Lutscher oder Gummibärchen, die es stückweise zu kaufen gab gönnen, manchmal reichte das Geld für ein Wassereis am Stiel. Herrlich – wir haben es in vollen Zügen genossen.
Das alles bekam man in dem ein paar Häuser weiter befindlichen Tante-Emma-Laden, dessen Besitzer Gustav Eisenschneider hieß. Zu ihm wurden wir Kinder mit der Einkaufsliste geschickt und Herr Eisenschneider hatte fast immer ein kostenloses Gummibärchen für uns parat.
In unserem kleinen Örtchen gab es damals mindestens fünf solcher Tante-Emma-Läden, zwei Metzgereien und drei Bäcker, ein großes Friseurgeschäft, einen Haushaltswarenladen, zwei Schuhgeschäfte, einen Schuster, eine Drogerie, ein Textilhaus und sogar ein Fotogeschäft, welches zusätzlich Farben und Tapeten anbot, ferner zwei Möbelgeschäfte, eine Schreinerei, ein Elektrofachgeschäft, sowie eine Molkerei, in der damals auch mein Opa arbeitete.
Es existierten 5 Gaststätten, eine davon – heute kaum zu glauben – mit einem Kinosaal ausgestattet.
Alles war vor Ort! Und noch vieles mehr!
Arzt, Zahnarzt, Tierarzt und Apotheke waren überdies recht schnell fußläufig erreichbar.
Zudem füllte Eingemachtes aus dem eigenen Garten die Regale im Vorratskeller.
Fehlte mal ein Ei, oder das Mehl war aus, konnte man das Benötigte immer von einem Nachbarn bekommen.
Ja, früher kannte jeder seine Nachbarn noch, nicht nur mit dem Namen.
Die Menschen waren füreinander da, es wurde sich gegenseitig, ohne viele Worte unterstützt.
Diese Werte bekamen wir schon als Kinder mit, es hat uns, wie ich finde, positiv geprägt.
Um uns zu verabreden brauchten wir kein Smartphone, wir gingen einfach hin zu unseren Freunden und planten unsere Treffen, indem wir miteinander redeten, von Angesicht zu Angesicht!
Ausgiebig nutzten wir auch den Fußweg zur Schule im Ort, um uns auszutauschen. So schnell ging uns der Gesprächsstoff nicht aus.
Ein besonderer Höhepunkt, sofern schon ein Fernseher im Wohnzimmer stand, einmal wöchentlich die Sendung „Daktari“. Ja, darauf freuten wir uns tierisch.
Gegen Husten setzte meine Oma für mich Zwiebelsaft mit Kandiszucker oder Honig an und bei Schnupfen servierte mir Mama ein Kamillendampfbad – alles ganz ohne Chemie und unaussprechliche Inhaltsstoffe.
Gefühlt war früher alles entschleunigter, keiner war immer erreichbar und der Zusammenhalt untereinander ein anderer. Alles hat seine Zeit……..
Ach, es gibt noch so viele weitere Erinnerungen – aber Moment mal, ich höre da Töne aus dem wunderschönen alten Röhren-Radio NORDMENDE, namens Fidelio 57, vor dem mein Mann früher als kleiner Junge auf dem Schoß seiner Mutter saß und den daraus kommenden Klängen lauschte.
Wie schön, Momente der guten alten Zeit im HIER und JETZT.
Trotzdem hat mein Mann mittlerweile zusätzlich für eine Verbindung des alten Röhren-Radios mit den heutigen digitalen Übertragungsmöglichkeiten mittels MP3-Player oder auch Smartphone gesorgt, bevor die letzten UKW-Wellen diesen Tonträger verlassen werden.


















