Start / Binau Direkt / Zwischen Tradition und Verantwortung: Landwirtschaft in Binau im Wandel

Zwischen Tradition und Verantwortung: Landwirtschaft in Binau im Wandel

Binau ist die Heimat von Marc Pfisterer – und das seit Generationen. Seine Familie war schon immer eng mit der Landwirtschaft verbunden. Der Großvater stammte aus Binau, die Großmutter war einst aus Österreich zugezogen. Sie betrieben damals einen landwirtschaftlichen Hof mitten im Ort. Marc Pfisterer erzählt, dass mit dem Ausbau der Bundesstraße im Jahr 1967 sich jedoch vieles änderte: Der Hof wurde ausgesiedelt und an den Rand von Binau verlegt.

Zu Zeiten des Großvaters war der Betrieb noch ein klassischer Vollerwerbshof. Der Schwerpunkt lag im Obstanbau, ergänzt durch einige Schweine und Kühe, für Milch und die damals übliche Hausschlachtung. Diese Form der Selbstversorgung prägte das Dorfbild über Jahrzehnte. 

Anfang der 1990er Jahre übernahm Marcs Vater Hartmut Pfisterer den Hof. Er stellte den Betrieb um und begann mit der Zucht von Galloway-Rindern. Marc erinnert sich, wie sie die ersten fünf Tiere per LKW Transport aus Hamburg holten. Anfangs lief die Zucht vielversprechend, bis ein Rückschlag folgte: Im Zuge der BSE-Krise um die Jahrtausendwende mussten alle nicht deutschstämmigen Tiere getötet werden. Da Galloways ursprünglich aus Schottland stammen, traf dies auch den Betrieb der Familie Pfisterer schwer.

Schon damals reichte die Landwirtschaft allein nicht mehr zum Leben. Marcs Vater führte den Hof nur noch im Nebenerwerb weiter. Heute steht neben der Zucht und Fleischproduktion, auch die Landschaftspflege im Vordergrund. Galloway-Rinder eignen sich dafür besonders gut: Sie sind robust, genügsam, und nicht krankheitsanfällig. Die Tiere leben ganzjährig draußen und ernähren sich vom frischen Gras der Weiden, sowie von Heu und Silage aus eigener Herstellung. Ein geschlossener Stall ist nicht nötig, lediglich ein Off-Stall steht zur Verfügung. Die Weideflächen umfassen sowohl eigene als auch gepachtete Wiesen.

Der Betrieb umfasst aktuell rund 40 Tiere, darunter 13 Mutterkühe und ein Zuchtbulle, die Namen erhalten haben. Die übrigen Tiere sind Kälber. Läuft alles gut, bringt jede Mutterkuh einmal im Jahr ein Kalb zur Welt – manchmal ist beim morgendlichen Rundgang plötzlich Nachwuchs da. Ein ganz natürlicher Vorgang, bei dem die Tiere in der Regel keine Hilfe benötigen.

Ein schwerer Einschnitt folgte im Jahr 2012: Marcs Vater Hartmut verstarb tragisch und unerwartet. Für Marc stand zunächst fest, alles aufzugeben. Doch im Gespräch mit seiner Frau entschieden sie zusammen, den Hof weiterzuführen. Die Landwirtschaft begleitet ihn schon seit Kindertagen – er wuchs mit den Galloway-Rindern auf und war stets in die Tierversorgung eingebunden.

Heute läuft der Betrieb eher „nebenbei“, wobei der Aufwand nicht zu unterschätzen ist. Die gesamte Familie hilft mit: seine Frau und die drei Töchter. Viel Freizeit bleibt dabei nicht, doch die gemeinsame Arbeit mit den Tieren schafft wertvolle Familienzeit.

Unterstützung kommt auch aus dem Dorf. In Binau gibt es nur noch einen einzigen Vollerwerbshof – den der Familie Krämer. Gegenseitige Hilfe ist selbstverständlich, etwa beim Heu machen oder beim Umtrieb der Tiere. Auch Jörg Großkopf , Binauer und Freund der Familie, hilft gerne. Durch Übernahme der Versorgung der Galloway-Rinder der Freunde, sind der Familie Pfisterer ein paar Tage Urlaub im Jahr möglich. 

In den 1960er- und 1970er-Jahren gab es in Binau noch über zehn Vollerwerbshöfe, erzählt Marc Pfisterer.  Neben den Krämers mit ihrem Landwirtschaftsbetrieb gibt es nur noch zwei Nebenerwerbsbetriebe  – sein eigener mit der Rinderzucht und den von Rainer Ludwig, der neben der Bewirtschaftung von Feldern auch Obstanbau betreibt.

Die Arbeitsbelastung für Marc Pfisterer ist gestiegen, seit er sich im vergangenen Sommer hauptberuflich verändert hat. Mit der Übernahme der Leitung des Schotterbetriebs in Öhringen, trägt er nicht nur mehr Verantwortung, sondern hat einen längerer Arbeitsweg, den er täglich zurücklegen muss. Dies hat Auswirkungen auf die Vereinbarkeit mit der Landwirtschaft und erschwert diese. Aus diesen Gründen setzt er sich mit dem Gedanken auseinander, die Rinderzucht zu verkleinern.

Geschlachtet wird zwei- bis dreimal im Jahr, jeweils zwei bis drei Tiere im Alter von eineinhalb bis zweieinhalb Jahren. Andere Tiere werden als Zuchtvieh verkauft oder an Interessenten zur Schlachtung abgegeben. Die Schlachtung selbst übernimmt ein externer Schlachthof. Die Tiere wachsen langsamer und setzen weniger Fleischmasse an – dafür entsteht besonders hochwertiges Fleisch. Ein befreundeter Metzger zerlegt die Tiere, anschließend wird das Fleisch gemeinsam kiloweise portioniert und vakuumiert. 

Was das Fleisch der Galloway Rinder so besonders macht? „Es ist zarter, feinfasriger, schmeckt leicht nach Wild und enthält viele Omega-3-Fettsäuren“, erklärt Marc Pfisterer. 

Und genau dies wissen die Kunden und Kundinnen, die an den angekündigten Verkaufstagen Fleisch erwerben, zu schätzen. Denn hierbei sind nicht nur Binauer anzutreffen, viele von ihnen kommen auch von außerhalb. 

Wann findet die nächste Schlachtung statt?: „Das steht noch nicht fest. Vielleicht schon im Februar, jedoch spätestens gegen Ende des Jahres 2026“, meint Marc Pfisterer. „Das hängt vom Tierbestand und der verfügbaren Zeit ab.“  

Für Marc Pfisterer ist eines klar: „Landschaftspflege geht uns alle an.“ Mit seiner Viehzucht verfolgt er nicht nur wirtschaftliche Ziele, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. „Wenn jeder nur an sich denkt, ist der Gesellschaft nicht geholfen.“ 

In Binau zeigt sich damit eindrücklich, wie viel Idealismus, Zusammenhalt und Herzblut nötig sind, um landwirtschaftliche Traditionen in einer modernen Welt weiterzuführen.

Markiert:

Sign Up For Daily Newsletter

Stay updated with our weekly newsletter. Subscribe now to never miss an update!

[mc4wp_form]

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bevorstehende Veranstaltungen


Anmeldung zum Newsletter