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Die feministische Seite des Aschenbrödels

„Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht. Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht. Zum Dritten: Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“

Wie die Perfektion eines Wintertraums zum Klassiker der Weihnachtszeit wird. Verfilmt im Jahr 1973 als deutsch-tschechische Kooperation hat das Thema bis heute an Aktualität nicht verloren.

Unverwechselbar kennt sie fast jeder in Deutschland: den Film und die Melodie des Weihnachtsklassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Schon beim Erklingen der ersten Takte der Titelmelodie erobern diese den Zuhörer und berühren dessen Herz. Die Magie der Klänge lässt die Töne ungehindert durch den ganzen Körper fließen und vereinnahmt ungebremst die Seele. Kaum ein anderer Film vermag es, generationenübergreifend eine derart tiefe emotionale Verbundenheit zu erzeugen und dabei Jahr für Jahr nichts von seiner Faszination zu verlieren.

Die mit Tonkunst umspielten Szenen verschmelzen zu einer nahezu perfekten Einheit. Was der Komponist Karel Svoboda hier musikalisch zum Märchen geschaffen hat, ist ein eindrucksvolles, harmonisches Zusammenspiel von Bild und Klang. Seine Komposition, im Original von einem Prager Filmmusikorchester eingespielt, trägt maßgeblich zur zeitlosen Wirkung des Films bei. Harfe und Querflöte fungieren als melodieführende Instrumente und verleihen der Musik ihre märchenhafte, verträumte Note. Triangel und Glockenspiel setzen verspielte Akzente und unterstreichen die Leichtigkeit und Unschuld der Geschichte. Diese fein abgestimmte Instrumentierung lässt die Musik selbst zu einem Erzähler werden – sanft, geheimnisvoll und zugleich voller Hoffnung.

Doch nicht allein die Musik macht den Film unvergesslich. Auch die Bildsprache trägt entscheidend zur Wirkung des Wintermärchens bei. Verschneite Wälder, vereiste Schlossanlagen und klare Winterlandschaften bilden die Kulisse für eine Geschichte, die fernab von greller Inszenierung und modernen Effekten ihren Zauber entfaltet. Die ruhigen Kameraführungen und natürlichen Farben lassen Raum für Emotionen und Fantasie und verstärken das Gefühl von Nostalgie.

Die Rolle des Aschenbrödels war zur Entstehungszeit keineswegs leicht zu besetzen. Mit der damals 19-jährigen Libuše Šafránková, frisch von der Schauspielschule kommend, wurde jedoch eine ideale Darstellerin gefunden. Sie verkörperte die Titelrolle mit einer ungestellten Natürlichkeit, gepaart mit Anmut, Mut und stiller Stärke. Ihr Aschenbrödel ist keine passive Märchenfigur, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die ihr Schicksal aktiv in die Hand nimmt. Gerade diese moderne, zeitlose Interpretation macht die Figur bis heute so glaubwürdig und nahbar – insbesondere für junge Zuschauer.

Auch die Nebenfiguren tragen zur Wärme des Films bei: humorvoll gezeichnet, liebevoll gespielt und nie überzeichnet. Sie verleihen der Handlung Leichtigkeit und Tiefe zugleich. So entsteht ein Märchen, das ohne große Worte auskommt und dennoch viel erzählt – über Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist mehr als ein Weihnachtsfilm. Er ist ein Stück kulturelles Gedächtnis, ein Wintertraum, der sich jedes Jahr aufs Neue entfaltet. Seine Perfektion liegt nicht in aufwendiger Technik, sondern in der Harmonie aus Musik, Bild und Gefühl. Gerade darin bewahrt der Klassiker seine immerwährende Aktualität und verzaubert Jahr für Jahr Jung und Alt – leise, zeitlos und voller Magie.

Aschenbrödel als feministische Märchenfigur

Aus heutiger Perspektive lässt sich „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ als überraschend modernes, ja feministisches Märchen lesen. Aschenbrödel widersetzt sich konsequent den ihr zugeschriebenen Rollenbildern. Sie ist ungehorsam, widerspenstig und eigenwillig. Statt sich in Passivität oder stiller Leidensbereitschaft zu fügen, handelt sie selbstbestimmt, denkt strategisch und folgt ihrem eigenen moralischen Kompass.

Sie reitet, schießt mit der Armbrust besser als der Prinz, tarnt sich, spielt mit gesellschaftlichen Erwartungen und entzieht sich bewusst der Kontrolle durch Stiefmutter und Stiefschwester. Damit bricht Aschenbrödel mit dem traditionellen Ideal der „gehorsamen, wartenden Frau“ und verkörpert vielmehr ein weibliches Selbstbild, das Autonomie, Mut und Intelligenz in den Vordergrund stellt.

Verbundenheit mit Tieren – Allianz jenseits patriarchaler Ordnung

Aschenbrödels enge Beziehung zu Tieren ist mehr als bloße Märchenromantik. Sie steht symbolisch für eine alternative Form von Gemeinschaft – fernab hierarchischer, patriarchal geprägter Machtstrukturen. Tiere begegnen ihr auf Augenhöhe, sie gehorchen nicht aus Zwang, sondern aus Vertrauen und gegenseitigem Respekt.

Diese Verbundenheit verweist auf ein naturverbundenes, intuitives Wissen. Aschenbrödel schöpft ihre Stärke nicht aus gesellschaftlicher Stellung, sondern aus innerer Freiheit und Empathie.

Die Eule – Symbol für weibliche Weisheit und Unabhängigkeit

Die Eule, Aschenbrödels ständige Begleiterin, ist ein vielschichtiges Symbol. Traditionell steht sie für Weisheit, Klugheit und Erkenntnis. In diesem Kontext lässt sie sich als Sinnbild weiblicher Intuition und innerer Klarheit deuten. Die Eule sieht im Dunkeln – sie erkennt Zusammenhänge, wo andere blind bleiben. Aschenbrödel durchschaut die Machtspiele ihrer Umwelt und handelt entsprechend.

Zugleich ist die Eule ein nachtaktives, unabhängiges Tier. Diese Eigenständigkeit spiegelt Aschenbrödels Charakter wider: Sie entzieht sich Kontrolle, bewegt sich zwischen den Welten und folgt nicht den Regeln des Tageslichts, also der offiziellen Ordnung des Hofes. Die Eule fungiert damit als Spiegel ihres inneren Selbst – klug, frei und unbeirrbar.

Die Tauben – Symbol für Gerechtigkeit, Solidarität und moralische Ordnung

Die Tauben übernehmen im Märchen eine aktive Rolle als Hüterinnen von Gerechtigkeit. Sie helfen Aschenbrödel, trennen Gutes von Schlechtem und bestrafen die Falschheit der Stiefschwester, indem sie deren Täuschung entlarven. Symbolisch stehen Tauben hier für moralische Reinheit, Wahrheit und eine höhere, nicht korrumpierbare Ordnung.

Im feministischen Kontext lassen sich die Tauben als Ausdruck weiblicher Solidarität lesen. Sie greifen ein, wo menschliche Autoritäten versagen, und stellen ein Gleichgewicht wieder her. Ihre Sanftheit schließt Konsequenz nicht aus – ein leiser, aber wirkungsvoller Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Damit repräsentieren sie eine Form von Macht, die nicht auf Gewalt, sondern auf moralischer Klarheit beruht.

Nikolaus – mehr als ein Pferd

Der Schimmel “Nikolaus“ ist weit mehr als ein schönes Reittier – er ist eine “zentrale Charakterfigur“ im Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“* und trägt wesentlich zur Aussage des Films bei.

Nikolaus ist kein bloßes Fortbewegungsmittel, sondern Aschenbrödels “Partner auf Augenhöhe“. Zwischen Mensch und Tier besteht eine Beziehung, die auf Vertrauen, Freiheit und gegenseitigem Respekt beruht. Nikolaus gehorcht nicht blind, sondern reagiert sensibel auf Aschenbrödels Stimmung und Entscheidungen.

Der Schimmel steht klar für Freiheit, Unabhängigkeit und Bewegung. Immer dann, wenn Aschenbrödel aus engen, unterdrückenden Räumen ausbricht – Hof, Küche, gesellschaftliche Zwänge –, geschieht dies mit Nikolaus. Er trägt sie hinaus in die winterliche Landschaft, in offene Räume, in denen sie sie selbst sein kann.

Nikolaus gehört zur Natur, nicht zum Schloss. Er steht damit für eine Welt außerhalb gesellschaftlicher Hierarchien. Während der Hof von Etikette, Kontrolle und Machtspielen geprägt ist, verkörpert Nikolaus das Leben nach eigenen Regeln.

Ohne Nikolaus wäre Aschenbrödels Rebellion nicht sichtbar – mit ihm wird sie dynamisch, mutig und lebendig. Der Schimmel ist somit ein stiller, aber unverzichtbarer Protagonist eines feministischen Wintermärchens.

Fazit

Aschenbrödel ist keine gerettete Prinzessin, sondern Handelnde. Ihre Rebellion ist leise, aber konsequent. Die Tiere an ihrer Seite – Pferd, Eule und Tauben – fungieren als symbolische Verbündete einer weiblichen Gegenwelt: weise, solidarisch und gerecht. Gerade diese Verbindung aus Ungehorsam, Naturverbundenheit und Selbstbestimmung macht die Geschichte bis heute so aktuell.

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